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Studienkameraden

Der neue Senat und seine treusten Untertanen
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Stolz wie Bolle

Ihre Namen wirken so vorgestrig wie ihre Maskerade und ihre Umgangsformen: Saxonia, Slesvigia, Germania. So und ähnlich heißen die Studentenverbindungen, die zu Semesterbeginn mit preiswerten Unterkünften und karriereförderlichen Beziehungen werben. Wer sich ihnen anschließt, muß sich in ein antiquiertes Regularium der Unterordnung fügen: Wer neu ist, ist längst nicht Gleicher unter Gleichen. In vielen Verbindungen muß man die Zugehörigkeit mit ungeschütztem Fechten ("Mensur") erkämpfen, das oft genug entstellende Narben ("Schmiß") hinterläßt. Und bei den rituellen Besäufnissen ("Kneipe") muß nach festen Regeln bis zur Besinnungslosigkeit getrunken werden - eine besonders "gesellige" Art, Disziplin einzuüben.

Literarisch ist der (Un-)Geist der Verbindungen verewigt in Heinrich Manns großartigem Roman "Der Untertan". Und das soll's immer noch geben? Allerdings. Zwar geben sich viele Verbindungen moderat und technisch modern. Doch immer noch gilt, daß Frauen zwar als Beiwerk den Cocktailabend schmücken dürfen, als Mitglied in einem akademischen Bund aber nicht in Frage kommen. So weit, so verstaubt. Es noch verstaubter: Viele Verbindungen nehmen keine Kriegsdienstverweigerer auf und legen Wert auf "Deutschblütigkeit" der Mitgliedschaft.

Das gilt zwar nicht für alle Verbindungen, man hantiert gern mit dem Begriff Toleranz und behauptet, unpolitisch zu sein. Doch in den gemeinsamen Dachverbänden sind sich alle darüber einig, daß es schon erlaubt sein muß, zu selektieren. "Jedem das Seine", denn die Menschen seien nicht gleich - und das Selbstverständnis als Elite soll es erlauben, bestimmten Menschen mindere Rechte zuzuweisen. Dieses anti-egalitäre Einverständnis macht eine glaubwürdige Abgrenzung zum Rechtsextremismus unmöglich.

Übrigens auch ihre Tradition: "Arier-Paragraphen" als Ausdruck antisemitischer Gesinnung waren in Verbindungen schon seit 1893 gang und gäbe. Auch bei Verbindungen, die heute im Ruf stehen "liberal" zu sein. In der Weimarer Republik waren Burschenschaften verläßlicher Teil der reaktionären Republikfeinde. Sie beteiligten sich etwa am faschistischen Kapp-Putsch1920.

Weniger blutig und doch brutal genug waren sie bereits Ende der 20er Jahre an der Vertreibung fortschrittlicher oder "nicht-arischer" Professoren von Universitäten beteiligt. Damit waren die Burschenschaften aktive Wegbereiter des deutschen Faschismus. 1933 waren Verbindungsstudenten eifrig und aktiv an der "Säuberung der Universitäten" beteiligt, in Hamburg organisierten sie eigens eine Bücherverbrennung am Kaiser-Friedrich-Ufer in Eimsbüttel.

Dennoch stellen sich viele Verbindungen - nur wenige sind da ehrlicher - als "NS-Verfolgt" dar, was schlicht falsch ist. Richtig ist, daß in den 30er Jahren alle Studenten in der "NS-Studentenschaft" gleichgeschaltet wurden. Die Verbindungen durften nicht mehr eigenständig auftreten, blieben aber weiterhin organisiert. Insbesondere wurde das Vermögen der Verbindungen nicht angetastet.

Nach der Befreiung vom Faschismus 1945 kurz verboten, konnten sie sich in den 50er Jahren mit Hilfe ihrer "Alten Herren" (ehem. Verbindungsstudenten) und des geretteten Vermögens wieder ausbreiten. Seitdem sind sie wieder eine feste politische Größe als Hort und Förderstätte reaktionärer Kräfte in der Bundesrepublik. Noch heute bringen sie durch "gute Kontakte" ihre Leute an Führungspositionen in Politik und Wirtschaft . Dort betätigen sie sich vor allem zum gegenseitigen Nutzen - jüngstes Beispiel ist die CDU-Spendenaffäre in Berlin.

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Nicht so archaisch, aber doch ganz nach dem politischen Geschmack eines Großteils der Verbindungen dürfte auch das sein, was die neue Hamburger Rechts-Koalition aus CDU, Schill-Partei und FDP zu bieten hat: Power-Neoliberalismus mit dem Verscherbeln öffentlichen Eigentums, etwa der städtischen Wohnungen, der Krankenhäuser oder der Verkehrsbetriebe - schließlich soll der Staat nur in Sachen Ruhe und Ordnung stark sein und nicht im Sozialen. Auch die Hochschulen sollen privatisiert werden und Studierende, die nicht stumpf und zügig ihre Scheine abreißen, sollen künftig auch in Hamburg Studiengebühren von DM 1000,- pro Semester abdrücken.

Statt auf soziale Sicherheit setzen Hamburgs Rechte dann auch lieber auf Überwachungsstaat. Der künftige Innensenator Schill wird den Herren an den Verbindungs-Biertischen aus der Seele gesprochen haben, als er nach den Anschlägen auf World-Trade-Center und Pentagon an den Unis "Gefahr im Verzug" witterte. Genauer: In der Verfassten Studierendenschaft, die die politische Interessenvertretung der Studierenden ermöglicht. Nach Ansicht von Schill tummeln sich dort Umstürzler aller Art und lade sie zur Vorbereitung von Attentaten geradezu ein.

Wer den Wahlkampf in Hamburg verfolgt hat, den wird nicht überraschen, daß der rechte Richter auch dafür die Sozialdemokratie verantwortlich macht. Wenig erstaunlich ist da, daß in Hamburger Verbindungskreisen frühzeitig auf den "Neuen Hoffnungsträger" der Rechten (so nannte ihn die rechtsextreme Zeitung "Junge Freiheit") setzte. Besonders deutlich wird das daran, daß ein Mitglied der rechtsextremen Hamburger Burschenschaft Germania als Spitzenkandidat der Schill-Partei in die Bezirksversammlung Eimsbüttel einzog.

Demnächst wird, geht es nach Schill, die Ordnungsmacht auch auf dem Campus (zukünftig wohl "Kampus") nach dem Rechten sehen. Dann werden auch die jahrelangen bundesweit betriebenen Aktivitäten aus dem Spektrum von Verbindungen und RCDS Früchte tragen: Die nämlich stören sich schon lange an allem, was ASten (immerhin die gewählte Interessenvertretung der Studierenden) tun und was irgendwie mit Politik zu tun hat. Wenn es - von ihnen aus - links ist, jedenfalls. So haben, seit es in den späten sechziger Jahren eine Linkswende an den westdeutschen Universitäten gab, Verbindungen (aber auch der RCDS) immer wieder ASten mit Prozessen überzogen, damit sie allgemeinpolitische Äußerungen - ob gegen Krieg, oder für die Bestrafung von NS-Kriegsverbrechern - unterlassen.

Am konsequentesten gegen linke Umtriebe an Hochschulen gingen - wen wunderts - Bayern und Baden-Württemberg - zu Werk. Sie lösten die Verfasste Studierendenschaft in den 70er Jahren gleich ganz auf. Mal sehn, ob der neue Polizeisenator und sein Hochschuladmiral Lange auch hier auf die Methoden der Südländer zurückgreifen. Zuzutrauen wäre es ihnen - und der Beifall aus den Hamburger Verbindungen wäre ihnen auch sicher.

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: juso-hochschulgruppe & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Sonntag, den 14. Oktober 2001, http://www.harte--zeiten.de/artikel_83.html