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Es ist genug.

Es ist genug. „Wir alle aber - Arbeitende, Gereifte, Verantwortungsvolle - sollen uns jeden Augenblick erzählen lassen müssen, daß das Land, in dem wir leben, kein sicherer Boden ist? Nochmal Inflation, wie? Die Entwertung alles lebenslänglich Erworbenen, wie? Die Arbeitslosigkeit ausgedehnt auf den kleinen Rest derer, die noch nicht abgebaut sind - anstatt das einmal festgesetzt würde: wer Tausende für sich arbeiten läßt, ist auch dafür verantwortlich, daß sie weiterbestehen. [...] Die Zeit derer, die nichts leisten, nur Betrieb machen und uns andere in der Arbeit aufhalten - ihre Zeit sollte vorbei sein.“
Heinrich Mann, „Wir wählen“, 1932.

Erleichtert berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung jüngst: „Deutschlands einzige schwarz-grüne Koalition auf Landesebene in Hamburg ist vorerst gerettet.“ Die Konservativen (schreibend oder regierend) sind sich nicht mehr sicher.

Es hat nur wenige Monate gedauert, nun wird (wieder) erkannt: Die Versöhnung von Rechts und Links gibt es nicht. Es gibt nur die totale Unterwerfung der ehedem linken (ökologisch, demokratisch, sozial) Grünen oder, andererseits, Opposition. Wie kommt das?

Erstens: Benötigt werden sichere und nützliche Arbeit sowie solidarische Bildung, mehr Demokratie, gleiche Gesundheitsförderung, guter Wohnraum, vernünftig produzierte Energie, sauberes Wasser, erschwingliche und qualitätvolle Konsumgüter, übersichtliche und leicht zugängliche Telekommunikation und Mobilität sowie eine kritisch-lebendige Kultur. Dies für Alle.

Zweitens: Nicht benötigt werden gierige und sozial wie ökologisch unverantwortliche private Großkonzerne, die dort unvermeidlichen Manager, Unternehmensberater, Bürokraten, eine schlagkräftige Polizei sowie Bildungsgebühren, Leistungsdrill, Talentförderungen, Lifestyle-Promenaden, die Elbphilharmonie und populistische Events.

Drittens: Vernünftiges ist nur gegen die Dominanz der großen Unternehmen zu verwirklichen. Allerdings stehen die (regierungs-)politischen Akteure unter deren Kuratell. Diese Erkenntnis verbreitet sich beschleunigt durch die internationale Finanzkrise, die eigentlich eine Kapitalismuskrise ist. Was ist dann aber zu tun?

Es sollte anerkannt werden, daß es genug ist. Es ist genug vom klebrigen „Zuckerbrot“ gönnerhafter Milde und greller Unterhaltung. Es ist genug der zuckenden Peitsche sozialer Einschnitte. Es ist genug des Chaos' unentwegter „Reformen“, die nie Verbesserungen, nur Verschlechterungen bringen. Es ist genug der engstirnigen Leistungshetze. Es ist genug der Vermarktung und Zerstörung gesellschaftlicher Güter.

Es ist genug der Verhöhnung durch die neoliberale Zentralphrase, wenn es „der Wirtschaft“ gut ginge, ginge es allen gut. Es ist genug der Verachtung, derzufolge Jeder seines eigenen (Un-)Glückes Schmied sei. Es ist übergenug.

Es ist Zeit für die solidarische Selbstorganisation zur streitbaren Verbesserung der Lebensbedingungen, für eine aufgeklärte, menschenfreundliche Politik und Alltagskultur und für eine produktive Entschleunigung und kooperative Entwicklung aller Bereiche menschlicher Arbeit und Muße.

Die Universität ist durch ihre demokratische Gründung, durch die studentische Bewegung der „68er“, die erstrittene soziale Öffnung und demokratische Reformen, durch die Verbindung sozialer und bildungspolitischer Kämpfe mit der Friedensbewegung und durch zahlreiche aufklärende und solidarisierende Aktivitäten gegen Studiengebühren auch in der jüngeren Zeit ein unruhiges Zentrum gesellschaftlicher und stadtpolitischer Opposition. Dieses Erbe sollte in der gegenwärtigen Lage geistig mobilisiert und praktisch erweitert werden. Humanität heißt: gemeinsam Erkennen und Eingreifen gegen die Übel. Die aufmerksame Anteilnahme am politischen Leben der Universität öffnet den Horizont und den Weg, Gutes zu bewirken.

Die anderen Teile des Semesteranfangszeitung:
II. Die kooperative Durchsetzung des Gewaltverzichts
III. Ein (selbst-)kritisches „Wir“ statt „Verwerte Dich selbst“!
IV. Wir über uns: Lernen: Veränderungswillen für eine humane Gesellschaft

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Sonnabend, den 11. Oktober 2008, http://www.harte--zeiten.de/artikel_769.html