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Dalai Lama Superstar

Zum aktuellen Säbelrasseln gegenüber China

„Sicherlich ist Rotchina nicht dasselbe wie Serbien. Es ist nicht realistisch zu erwarten, dass die Nato, trotz ihrer starken Worte gegen ein kleines Land wie Serbien, wegen eines Aufstandes in Tibet einen offenen Krieg gegen eine nukleare kommunistische Macht beginnen würde. Doch Peking sollte nicht erlaubt werden, mit (Massen)Mord davonzukommen. Es gibt zahllose Möglichkeiten für die internationale Gemeinschaft und für einzelne Staaten, die chinesischen Kommunisten unter Druck zu setzen und zu zeigen, dass die ‚Universellen Menschenrechte' tatsächlich universell sind und auch im Himalaja Gültigkeit haben.“
The Brussels Journal - The Voice of Conservatism in Europe, „Why Does the West Not Give Tibet the Kosovo Treatment?“, 21.3.2008.

Es fällt schwer, genau zu beurteilen, was in der dünn bevölkerten chinesischen Provinz Tibet zur Zeit geschieht. Am wahrscheinlichsten ist, daß der ökonomische Expansionskurs der chinesischen Zentralregierung und die Angleichung an die weltweit dominanten Marktprinzipien auch in dieser entlegenen Region zu neuen sozialen Verwerfungen geführt haben, die nun von einer Clique aus alten Eliten, die seit einem halben Jahrhundert um den Verlust ihrer aus einer obskuren Religion begründeten Privilegien trauern, rassistisch instrumentalisiert werden können.

Nach dem Sturz der letzten chinesischen Kaiser-Dynastie hatte das Oberhaupt der Gelug-Sekte, die zu den wohl reaktionärsten Auslegern der buddhistischen Religion weltweit gehört, der 13. Dalai Lama (Vorgänger des heute in Indien lebenden 14. Dalai Lamas) sich 1913 auch zum weltlichen Herrscher über Tibet proklamiert. Nach einer kurzen Besetzung tibetischer Städte durch die chinesische Volksbefreiungsarmee wurde das Gebiet 1951 wieder ein Teil Chinas, wobei der Provinz weitgehende Autonomierechte, einschließlich voller Religionsfreiheit zugestanden wurden. Anläßlich von Landreformen, in denen tibetische Adelige und Klöster zum Teil enteignet wurden, kam es ab 1955 zu Aufständen, die 1959 weitgehend niedergeschlagen wurden. Dabei wurden die buddhistischen Gotteskrieger (gegen die die iranischen Ayatollahs als Ausbund der Liberalität erscheinen) in den 1950er und 60er Jahren durch die US-amerikanische CIA großzügig mit Waffen ausgerüstet und im Guerilla-Kampf trainiert, um einen dauerhaften Unruheherd am Rande der sich damals konsolidierenden Volksrepublik China zu schaffen. Ohne diese Unterstützung wäre das tibetische Mönchsregime wohl schon lange als anti-aufklärerischer Anachronismus in den Fußnoten der Geschichtsbücher verschwunden.
Heute entdecken die westlichen Massenmedien mehr denn je die Heilslehren des tibetischen Buddhismus für sich. Der Dalai Lama darf mit seinen Predigten für die Ergebenheit gegenüber dem grausamen Schicksal ganze Zeitungsseiten füllen (nicht zuletzt auch bei seinem Besuch in Hamburg im letzten Jahr). Die geweihte Bescheidenheit wird dem verängstigten Mitteleuropäer als Wellness-Kur für die geschundene Seele anempfohlen und verträgt sich bestens mit der Dogmatik von der Zwangsläufigkeit des Sozialabbaus und der angeblich natürlichen Brutalisierung der Verhältnisse national wie international.

So ergibt sich aus der (egal ob real vorhandenen oder nur medial inszenierten) Repression chinesischer Sicherheitsorgane gegenüber den Anhängern dieses betulichen Predigers eine gute Gelegenheit, die bösen Kommunisten in China an den Pranger zu stellen. Während die Interessen des deutschen Wirtschaftsstandortes weiterhin unter großem medialem Applaus am Hindukusch militärisch verteidigt werden und die US-Armee den Ölkonzernen im Nahen Osten die Profite sichert, sollen dem ökonomischen und politischen Rivalen China hier schon einmal die Instrumente gezeigt werden, mit denen es zu rechnen hat, falls es sich bei der aktuellen Neuaufteilung der Einflußsphären weltweit weiterhin widerspenstig zeigen sollte. Solches Säbelrasseln kennen wir aus der Vorbereitung des Jugoslawien-Krieges. Davon sollte sich niemand irreführen lassen. Aufklärung ist die Aufgabe der Zeit

Zum Weiterlesen empfehlen wir:
„Ahnungslose Schwärmerei - Mönchischer Terror auf dem Dach der Welt“ von Colin Goldner
(http://www.jungewelt.de/2008/03-26/015.php und http://www.jungewelt.de/2008/03-27/006.php)

V.i.S.d.P.: Niels Kreller, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Montag, den 31. März 2008, http://www.harte--zeiten.de/artikel_712.html