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Zum Geleit XIV

Schön ist, was Einsichten schafft

[Kommentar zum Hintergrund: Weiterhin ist umstritten, wie notwendig die historisch und gesellschaftspolitisch bewußte Einordnung der konkreten hochschulpolitischen Entscheidungen des AS erörtert werden muß. Wir streiten für einsichtige Bezugnahme gegen die verkaufsträchtige Erscheinung im Gegeneinander. Der AS spricht sich für die Verbesserung der sozialen Lage der Studierenden und der Studienberatung aus und macht dafür konkrete Vorschläge. Umstritten ist nach wie vor auch die Berechtigung rein unternehmerisch orientierter Aufbaustudiengänge. Deshalb:]

0) Ausschluß?

Im Akademischen Senat tauchte der Zweifel auf, ob Thema und Fragen der Ästhetik etwas in diesem Gremium zu suchen hätten, also richtig plaziert seien. Abgesehen davon, daß dem Senat, dem akademischen, in jedem Fall mehr Schönheit gut zu Gesichte stünde, gilt das Maß des Schönen auch dann, wenn es einseitig grimmig negiert wird.

1) Abwehrhaltung

,,Der Widerstand
Aristokratisch gesinnt ist mancher Glehrte; denn gleich ist's,
Ob man auf Helm und Schild oder auf Meinungen ruht.“

Johann W. v. Goethe, Lyrische Dichtungen, Weimar 1794-1797.

Sicherheit scheint der mainstream zu schaffen. Man fließt mit großen trägen Massen mächtig und gelassen - stets unterkühlt - dahin. Von den kommenden Stromschnellen ist keine Ahnung. Der stürzende Fall der Massen ist nicht im Sinn. Warnende, entgegenschwimmend und rufend am Ufer, sind den Mit-Strömenden lästig.
Kommt Korrektur vor dem Fall?

2) Widerspruch der Zeit

,,Von Natur neige ich mich zu einem gewissen Dolce far niente, und ich lagere mich gern auf blumigen Rasen und betrachte dann die ruhigen Züge der Wolken und ergötze mich an ihrer Beleuchtung; doch der Zufall wollte, daß ich aus dieser gemächlichen Träumerei sehr oft durch harte Rippenstöße des Schicksals geweckt wurde, ich mußte gezwungenerweise teilnehmen an den Schmerzen und Kämpfen der Zeit, und ehrlich war dann meine Teilnahme, und ich schlug mich trotz den Tapfersten...“
Heinrich Heine, ,,Über die französische Bühne. Vertraute Briefe an August Lewald“, Neunter Brief, 1838.

Nicht ohne hohen materiellen sowie psychischen Aufwand, nicht ohne die dynamischen Gefahren des normalen Lebens läßt es sich allzu lange auf dem Zauberberg verweilen. Die Kämpfe der Zeit finden immer statt. Krieg oder Frieden ist eine unausweichliche Alternative, die sich nicht im Liegestuhl entscheiden läßt. Je mehr den Balkon verlassen, desto günstiger für die bessere Seite; desto heiterer ihre Verwirklichung.

3) Sinn des Gedankens und der Kunst

,,Nein: weder die Künstler noch ihre Historiker können von der Schuld an unseren Zuständen freigesprochen werden, noch entbunden von der Verpflichtung, an der Änderung der Zustände zu arbeiten.“
Bertolt Brecht, ,,Über die Notwendigkeit von Kunst in unserer Zeit“, Dezember 1930.

Die barbarischen Extreme menschlicher Erfahrung lehren (potentiell) die strikte Ablehnung des Unmenschlichen, die frühe Vermeidung des Schlimmsten, die Wendung zum Besseren, die Verantwortung Aller, die Möglichkeiten der notwendigen Zwistüberschreitung - das Schöne gemeinsamer humaner Wirksamkeit.
Hier sollte nichts velwechsert welden.

4) Wahrheit als Schönheit

,,Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen.“
Gotthold Ephraim Lessing, ,,Anti-Goeze/Zweiter“, 1778.

Der Lüge Lack überdauert nur einen Regenschauer, Kollege Rost nagt genüßlich auch bei Sonnenschein.
Guter Lack hingegen hat ebenso eine sichere Grundierung. Gefahren perlen schnell zu Boden. Auch wenn sie Schatten hinterlassen, lassen sie sich leicht abwischen.
Glänzender Spott hat immer ein Ziel - die bewegende Erkenntnis.

Hamburg, den 13. September 2005

Veröffentlicht am Dienstag, den 13. September 2005, http://www.harte--zeiten.de/dokument_340.html