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Negativer Streß, positive Spannung

„Mehr als die Hälfte der Beschäftigten fühlt sich bei der Arbeit häufig gehetzt. ‚Arbeiten im Hamsterrad‘ widerspricht jedoch den Kriterien für gute, menschengerechte Gestaltung von Arbeit – und macht krank. Wer bei der Arbeit dauerhaft unter Stress steht, trägt ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Störungen.“
Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB): DGB Index Gute Arbeit, Report 2015 (Vorwort).

„Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“
Franz Kafka (1883-1924): Aphorismen (16) , 1970.

Viele Erwerbstätige erkennen in ihrer Arbeit eine guten Sinn. Reflektierend, planend, organisierend, bauend, in der medizinischen oder pflegerischen Tätigkeit, in der Bildung, Wissenschaft oder der sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in Kommunikationsberufen, aber auch in Verwaltungen und selbst im Finanzsystem.
Aber die Mehrheit ist geplagt von Streß. Die Gründe, so der DGB, sind vor allem Personalmangel und eine erdrückende Konzentration notwendiger Arbeit auf wenige.
Abhilfe böte: Arbeitszeitverkürzung, mehr Kolleginnen und Kollegen, sich auf das Wesentliche konzentrieren und die Arbeit kooperativ und verantwortlich selbst organisieren.

Im Öffentlichen Dienst, auch in den Hochschulen, wird diese Notwendigkeit gegenwärtig besonders mittels der „Schuldenbremse“ blockiert. Diese politische Vorgabe begrenzt die Steigerung der Ausgaben der öffentlichen Hand auf jährlich höchstens 0,88 %. Aber die Preise schießen höher und Tariflöhne müssen stärker steigen. Die Begrenzung ist profitkonforme Willkür. Sie wird von denselben politischen Akteuren verteidigt, die teure Militäreinsätze bewilligen, Banken „retten“ und für „Olympia“ rund 11 Mrd. Euro an Steuergeldern auszugeben bereit wären.
Absurd: Obgleich die Aufgaben in Bildung, sozialen Diensten, Gesundheitswesen, Flüchtlingshilfe oder sinnvoller Entwicklung von Infrastruktur und Verkehr ständig wachsen, besteht die Landesregierung darauf, jährlich 250 Stellen in Hamburgs Öffentlichem Dienst abzubauen. Das verschleißt.

Im Gegensatz dazu wachsen die Ansprüche humaner Nützlichkeit in diesen Bereichen, und sie werden von sehr vielen Menschen täglich ernsthaft bei der Arbeit verfolgt. Das ist immer auch ein tätiger Widerspruch zu geschäftssinnigen Vorgaben kühler Verwaltung, Vermarktung und Verwertung.
Weil aber sinnreiche Arbeit in dieser Gesellschaft politisch systematisch deformiert wird, bedarf es einer neuen Qualität gesellschaftlicher Kritik und solidarischer politischer Praxis: Zivile Produktivität ist von Militärischem zu befreien; kommerzielle Oberflächlichkeit von Bildung, Wissenschaft und Kultur zu beenden. Vernünftige Arbeitsverhältnisse erfordern mindestens die Beseitigung von Leiharbeit, willkürlichen Befristungen und der Drohung mit „Hartz IV“. Anstelle anhaltender „Schuldenbremse“ und Spekulationen sind Investitionen und Regulierung der Privatwirtschaft nötig.
Die Ökonomie diene dem Menschen – nicht umgekehrt.
Dafür bewußt zusammenzuwirken spannt den Bogen auf ein Neues:
Arbeit der Vermenschlichung.

V.i.S.d.P.: Golnar Sepehrnia, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Dienstag, den 15. Dezember 2015, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1320.html