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Ba/Ma. Die beste Zeit im Leben?

„Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse, auch durch die Einführung eines Diplomzusatzzeugnisses (Diploma Supplement), mit dem Ziel, die arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen der europäischen Bürger ebenso wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems zu fördern.“
Erstes Ziel der Bolognareform in der „Gemeinsame Erklärung der europäischen Bildungsminister“, Bologna 1999.

„Lebensphase Studium. Zeit der tausend Möglichkeiten. Nie ist die Gelegenheit besser, Interessen auszuleben, Fähigkeiten auszuprobieren, Neues zu entdecken und Freundschaften zu schließen, als an der Uni.“
Frankfurter Allgemeine Hochschulanzeiger, „Die beste Zeit in meinem Leben“, Nr. 117 12/11.

Was in manchen deutschen Redaktionsstuben geraucht wird, wissen wir nicht. Die Anregungen aus dem „Hochschulanzeiger“, man möge sich einfach mal bei einer Hausarbeit verzetteln, in einer WG austoben, Referate frei halten, intellektuell ausschweifen, das Milieu wechseln und gemeinsam mit anderen für etwas kämpfen stehen jedenfalls nicht im Einklang mit den Zielen und realen Bedingungen des Studium-Bolognese. Das können auch die Frankfurter Schreiberlinge nicht ganz verleugnen: „Rund 60 Prozent der Studenten empfinden die zeitliche Belastung als ›hoch‹ oder sogar ›zu hoch‹, wie die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ergab.“ Aber nonchalant wird hier das strukturelle Problem des inhumanen Verwertungsdrucks in eine subjektive „Empfindung“ umdefiniert, um dann von den Studierenden (!) einen entspannteren Umgang mit dem Studium zu fordern.

Nicht, daß dieser ausgeschlossen ist, aber gerade Souveränität gegenüber den Leistungsgeboten erfordert Kritik an den Zielen, Modi und der Kultur des zerhackten Studiums und außerdem entsprechend engagierte KommilitonInnen. (Kritische Aktive sind gar nicht so schwer zu finden.)

Vorrangig bleibt darum erforderlich, daß Wissenschaftlichkeit, Kooperation und gesellschaftliche Relevanz wieder Einzug in den universitären Alltag verschafft bekommen. Denn die von Arbeitgebern, Ministerkonferenzen und Hochschulrektoren stumpf verordnete „Berufsqualifizierung“ ist nicht nur eine Absage an Bildung für Mündigkeit. Angesichts der notorischen Krise der Marktgesellschaft führt sie gänzlich in die Irre. Dem Steigen und vor allem Fallen in der Konkurrenz der Standorte entkommt man nicht durch pseudo-individuelle Zertifikate. Es ist diese Perspektivlosigkeit, die scheinbar äußeren Druck als Lernmotivation erforderlich macht. Aber Angst ist kein nachhaltiger Lernbeweger. Hingegen schafft die realistische Aussicht auf fair-freudige Partizipation am gesellschaftlichen Leben echte Motivation. Da die heutige Gesellschaft nicht vernünftig ist, muß dafür ihre menschenwürdige Veränderung um so entschiedener Inhalt universitärer Bildung sein.

Sinn des Studiums sollte eigentlich sein, das Forschen zu lernen, um es in der gesellschaftlichen Praxis (auch der beruflichen) kooperativ einzusetzen und selbständig zu entwickeln. Aber statt dessen ist unter dem Schlagwort der „studienbegleitenden Prüfungen“ (angeblich eine „Entspannung“ gegenüber früheren Schluß-Examina) die ambitionslose Reproduktion vorgefertigten Wissens „on demand“ von Oben durchgesetzt worden.

Eine reelle Alternative zu diesem permanenten Abi-Streß und ebenso zu gewaltigen Abschlußprüfungen wäre der studienbegleitende Scheinerwerb als beiläufige Dokumentation kooperativ-kritischer Erkenntnisproduktion - ohne Zeitdruck und Benotungszwang. In einem demokratisch zu vereinbarenden Rahmen könnte dieser dann auch als Studienabschluß anerkannt werden. Dafür lassen sich in der Hamburger Hochschulgeschichte durchaus Beispiele finden.

Für umfassende Bildung, forschendes Lernen, ernsthafte Vertiefung, gegenwartsbezogene Fragestellungen und gesellschaftliches Engagement als relevante Elemente studentischer Lebensart ist eine erneute Offensive studentischer Bewegung nötig.

Durch den „Kampf um die Zukunft“ ist immerhin erreicht, daß der 1:1-Übergang vom Bachelor zum Master politisch als verbindliches Ziel anerkannt ist. Allerdings ginge dies bei weiter knapp gehaltenen Mitteln noch auf Kosten von Bachelor-Studienplätzen. Die gemeinsamen Kämpfe sind folglich auszubauen.

Wer in Bewegung kommt, bewegt auch andere.

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Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Mittwoch, den 14. Dezember 2011, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1081.html