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BaMa, Bluff, Burn-Out?

Ansprüche entwickeln!

,,Niedermeier: Die Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten extrem verändert. Durch die Globalisierung sind in manchen Branchen der Arbeitsdruck und das Arbeitstempo stark gestiegen, die Zukunftsaussichten sind unsicher geworden. [...] Wir haben den Eindruck, wir müssten körperlich bestens in Form sein, Sport treiben, Spaß haben, abends ins Theater gehen - und dabei noch freudig 60 Stunden arbeiten.
Zeit: Sie sagten, es würde uns gut tun, einen Gang herunterzuschalten. Viele Menschen haben das Gefühl, sich das nicht leisten zu können oder zu dürfen, weil sie sonst abgehängt werden.
Niedermeier: Das hat damit zu tun, dass wir uns immer vergleichen. Wir werden durch Werbung und Medien ständig mit völlig unerreichbaren Ich-Idealen konfrontiert.“

Nico Niedermeier, Stiftung Deutsche Depressionshilfe, im Zeit-Gespräch zum Burn-Out, 1.12.2011.

,,Die formale Struktur dieser Seminar-Kommunikation, wo alle versuchen, mit ihrem Diskussionsbeitrag möglichst gut anzukommen, gleicht auf frappante Weise der Grundstruktur des Kapitalismus. [...] Wer sich in dem Kreis erfolgreich reproduzieren will, wer es zu etwas bringen will, egal ob an der Uni oder auf dem Warenmarkt, der muß Marktgängiges produzieren und in den Kreis einbringen.“
Wolf Wagner, Uni-Angst und Uni-Bluff, 1977.

Das Bachelorstudium ist aufreibend, weil es auf ,,Berufsqualifizierung“ für eine hoffnungslose Marktgesellschaft gerichtet ist. Der Rat des Verhaltenstherapeuten, das geschäftige Treiben nun doch etwas langsamer anzugehen, führt daher in die Irre. Die von ihm als unerreichbar kritisierten, marktschreierisch aufgedrängten Maßstäbe - mit noch so perspektivarmer Arbeit lächelnd schadlos klar zu kommen - sind einfach nicht erreichenswürdig. Ohne Veränderung keine Heilung.

Der wachsende Unmut zum Studium ,,BaMa“ hat mit der beschränkten Aussicht zu tun, man lerne, um in der Konkurrenz zu bestehen, auf Märkten, die ja selbst das Versagen dieser Gesellschaft in Permanenz sind. Mit der ,,Leistungsorientierung“ des Studiums haben mitnichten soziale Vernunft, Kritikfähigkeit, demokratische Diskursivität, wissenschaftliche Neugier und experimentelles Suchen nach Erkenntnis zugenommen, sondern nur die Reproduktion curricular verordneten, abstrakten ,,Wissens“ - just in time.

Die Alternative zur renditegetriebenen Fremdbestimmung ist, die Entwicklung des gemeinsamen Lehr- und Lernorts für ein kooperatives und gesellschaftlich relevantes Studium in die eigenen Hände zu nehmen. So wird das hochschulpolitische Engagement Teil weltweiter Proteste für Bildung für Alle, zivile und soziale Progression und wider die Bankenmacht.

Die praktisch verfolgte Perspektive des allgemeinen Wohls ermöglicht, dass niemand abgehängt wird. Denn statt des eigenen Vorteils - immer relativ - geht es um die Verbesserung für Alle, und der isolierende Leistungs-Vergleich verliert damit an Bedeutung. Ausgehend von diesem gesellschaftlichen Veränderungsanliegen ist Studieren eine kooperative Angelegenheit, die Sinn und Freude macht. Eine echte Studienreform für Solidarität statt Konkurrenz, Ermunterung statt Kontrolle, für Neugier statt Noten und Anregung statt Angst, steht auf der Tagesordnung. Reichweite und Tempo dieser Entwicklung bestimmen wir Studierende selbst mit dem Grad unseres gemeinsamen Engagements. In Fachschaftsräten, kritischen Hochschulgruppen, Studierendenparlament und drumherum finden sich allerorten an der Universität, Gelegenheiten zur Beteiligung. Assoziiert Euch!

V.i.S.d.P.: Golnar Sepehrnia, Schützenstr. 57, 22761 Hamburg.
Herausgegeben von: harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg.
Veröffentlicht am Montag, den 5. Dezember 2011, http://www.harte--zeiten.de/artikel_1075.html